Tradition und Verrat

Als ich noch ein junger Priester war und die „traditionelle“ katholische Welt noch recht oberflächlich kannte, wurde ich schon oft mit dem genannten Attribut versehen, oder sogar mit dem des „Traditionalisten“.

Manchmal, weil ich die Freude nicht verbergen konnte, die ich beim Tragen der Soutane empfand, oder wegen irgendetwas bei der Feier des Heiligen Opfers, das die Gläubigen sahen, ohne dass es mir bewußt war.

Eine kuriose Begebenheit aus dem Gedächtnis: Vor langer Zeit, als ich erst seit ungefähr einem Monat zum Priester geweiht worden war, kam eines Tages eine Frau der Pfarrgemeinde in die Sakristei mit einem Priesterhut, den sie für mich genäht hatte. Ein Hut, den ich nie benutzt habe, weil ich seine wahre Bedeutung nicht kannte. Erst vor ein paar Wochen fand ich endlich heraus, was er bedeutet und wann man ihn trägt, und so kam er endlich aus dem Schrank heraus und hat nun die Ehre, in der richtigen Weise getragen zu werden.

Gottes Wege sind wirklich unergründlich!

Wenn man mich, mal provokativ, mal mit Genugtuung, je nach der Situation fragte, ob ich ein traditioneller Priester sei, ohne wirklich zu wissen, warum man mich das fragte oder mit wem man mich dabei ungewollt und unwissentlich in einen Topf warf, dann war meine Antwort immer spontan und unmittelbar: „Natürlich bin ich traditionell: Ich bin ja katholisch!“

Der Christ ist traditionell.

Wenn er nicht traditionell ist, ist er kein Christ und schon gar kein Katholik.

Denn keiner von uns hat Autorität über den Glauben. Denn vom Papst bis zum letzten Gläubigen, von Petrus bis heute, in der Heiligen Katholischen Kirche, der einzigen wahren Religion, die von Gott selbst gegründet wurde, geben wir nur das weiter, was wir empfangen haben (1 Joh 1,1-2). “Nicht ihr habt Mich erwählt, sondern Ich habe euch erwählt”, sagt der Herr (Joh 15,16).

Das Problem ist, dass in der verwirrenden Situation, in der wir leben, die Worte ihre Kraft verloren haben, sich mit ihrer wahren Bedeutung durchzusetzen, und oft mit Bedeutungen verwendet werden, die ihnen zu Unrecht von denen zugeschrieben werden, die damit andere am stärksten manipulieren können.

In diesem neuen Babylon hat der Begriff „Tradition“ in der katholischen Kirche fast ausschließlich die Bedeutung angenommen, jene Gruppe zu bezeichnen, die sich den Neuerungen der letzten 60 Jahre unter der Führung von Msgr. Lefebvre widersetzt hat, oder sich später vielleicht von dieser Gruppe getrennt hat, sowie einige wenige andere.

Unter diesen ist die bekannteste die Priesterbruderschaft St. Pius X., die FSSPX.

In den letzten Wochen ist deren Haltung gegenüber der katholischen Kirche wieder stark in den Fokus gerückt, auch für jene, die zuvor noch nie von ihnen gehört hatten, und zwar wegen deren Entscheidung, Bischöfe ohne päpstliches Mandat zu weihen, sowie wegen all der Reaktionen und Kommentare zu dieser Entscheidung.

 

Was mich als Priester jedoch besonders beeindruckt – da ich von Natur aus mein Leben zusammen mit Jesus für das Heil der Seelen hingegeben habe –, ist der heftige innere Widerspruch, in den die Priester dieser Bruderschaft geraten sind, und mit ihnen einige, die ihre Position verteidigen, um ihre Entscheidung zu rechtfertigen.

Ich kann dieser Haltung nicht gleichgültig gegenüberstehen.

Als Priester habe ich geschworen, nicht nur die Wahrheit zu verteidigen, sondern auch den Irrtum zu bekämpfen, denn diese Aufgaben sind von Jesus direkt seinen Jüngern und insbesondere seinen Aposteln anvertraut worden (Mt 5,19; Lk 12,48), und wer ein Amt in der katholischen Kirche übernimmt, ist verpflichtet, diesen Eid zu leisten.

Aus diesem Grund habe ich bereits mehrfach öffentlich Stellung für die Tradition bezogen, angesichts der schwerwiegenden Angriffe auf die Wahrheit von Seiten derer, die seit Jahren Krieg gegen die FSSPX führen. Und ich habe dafür bezahlt und zahle weiterhin die Konsequenzen, ohne Reue, denn das ist der Preis für das, wofür ich mich entschieden habe, seit dem Taufversprechen, das meine Eltern und Paten für mich abgelegt haben.

Doch kann ich jetzt auch gegenüber den giftigen Lügen nicht schweigen, die die FSSPX verbreitet, und die aufgrund dieser neuen Situation Gläubige erreichen können, die sie bisher nicht kannten.

Die Priester der FSSPX behaupten, zum Wohl der Seelen zu handeln, sie wollen die Tradition der Kirche retten. Und damit sagen sie etwas Heiliges: Das höchste Ziel, für das Jesus die Heilige Kirche gegründet hat, ist das Heil der Seelen. Und deshalb, daran erinnern sie zu Recht, ist das Heil der Seelen das erste Gesetz, auf das jedes Gesetz ausgerichtet ist. Es muss daher das Kriterium für die Auslegung und Anwendung des Gesetzes sein.

Das ist eine heilige Wahrheit!

Aber wenn sie tatsächlich behaupten, dass es in der Kirche außerhalb ihrer Bruderschaft keine Heilsmittel gibt , also keine Sakramente, dann leugnen sie automatisch das Konzil von Trient und die grundlegenden Wahrheiten, die uns die Tradition vermittelt: nämlich dass die Sakramente durch die Gnade Gottes wirken, sofern die wesentlichen Bedingungen erfüllt sind. Und diese Bedingungen sind: die Materie, die Form und der Spender.

Die Heilige Kirche hat diese Kriterien festgelegt, indem sie die Fülle ihrer von Jesus gegebenen Autorität nutzte, um die Offenbarung selbst in Treue weiterzuvermitteln. Die FSSPX hat nicht die Autorität dazu, diese Kriterien zu ergänzen oder zu verändern.

(Experten kennen die ganze Argumentation über die Auslegung der Absicht des Spenders. Ich wende mich hier nicht an erfahrene Theologen, die über ausreichende Mittel verfügen, die Wahrheit zu erkennen, und die, wenn sie aufrichtig sind, die Parteilichkeit dieser ihrer Argumentation erkennen. Letztendlich würde sie, wenn man sie wörtlich nähme, zu einer Position führen, die noch schlimmer ist als die der Protestanten, und sie würde die Gläubigen in einem Zustand unüberwindlicher Unsicherheit über die Gültigkeit oder Ungültigkeit der Sakramente zurücklassen. Und erfahrene Theologen wissen, wenn sie aufrichtig sind, auch sehr gut, dass dies das schwerwiegendste Problem war, auf das das Konzil von Trient eine Antwort geben wollte – und gegeben hat. Hier aber wende ich mich an den einfachen Katholiken, der ohne eigenes Verschulden all diese Probleme nicht studieren konnte und im Durcheinander der Dinge, die derzeit zu dieser Angelegenheit gesagt werden, verwirrt zurückbleibt.)

Wenn nun die FSSPX behauptet, dass es in normalen Pfarreien keine Sakramente gibt, dann leugnet sie in der Person ihres Oberen diese grundlegenden Bedingungen für die Gültigkeit der Sakramente (Materie, Form und Spender) und leugnet damit automatisch auch das Konzil von Trient! Das bedeutet nicht weniger als eine Trennung de facto von der Katholischen Kirche! Damit verleitet die FSSPX alle Gläubigen, die glauben, dass sie die wahren Verteidiger der Tradition sind und keine FSSPX-Kapelle in ihrer Nähe haben, dazu, sich von den Sakramenten abzuwenden.

Und das soll die Sorge um das Seelenheil sein?!? Das ist teuflisch!!!

Man muß bedenken, dass fast alle Katholiken, selbst wenn sie es wollten, nicht zu ihnen gehen könnten, da sie im Vergleich zur weltweiten Katholischen Kirche nur eine winzige Gruppe sind. Sie verleiten also die Katholiken faktisch dazu, sich von den Sakramenten abzuwenden. Das ist dasselbe, was jene sagen, die dazu aufrufen, nicht zu den Messen zu gehen, in denen der Name von Papst Leo genannt wird (vorher war es Franziskus).

Ich muss wohl nicht daran erinnern, wie sehr ich mich für die Autorität dessen eingesetzt habe, der auf dem Stuhl Petri sitzt; man kann mir daher nicht vorwerfen, dass ich mich bei dem, was ich verteidige, von einer doppelten Strategie leiten lasse.

Es ist aber eine Sache, die Gläubigen vor den äußerst gefährlichen Wölfen im Schafspelz zu warnen, die wie neue Pharisäer auf dem Thron sitzen, den Gott eingerichtet hat, um der Welt die Wahrheit des einzigen Glaubens zu verkünden, und die stattdessen von diesem Lehrstuhl aus den Irrtum verbreiten. Eine andere Sache ist es jedoch, anzudeuten, dass es eine menschliche Realität gäbe, die Autorität über die höchste Autorität der Kirche haben könnte. Und leider mangelt es nicht an denen, die sich befähigt fühlen, jene zu „exkommunizieren“, die zur Messe „una cum“ gehen. Oder, wie in diesem Fall, diejenigen zu exkommunizieren, die nicht zu ihrer Messe gehen.

Das Tragikomische daran ist, dass die einen die anderen exkommunizieren! Wie viele Wunden im Herzen Jesu!

Was aber noch schlimmer ist: Beide Bewegungen spenden Sakramente tatsächlich ungültig! Und sie täuschen die Gläubigen, weil sie es ihnen nicht sagen! Etwa, wenn die FSSPX das Sakrament der Ehe spendet, ohne dass die Gläubigen zuvor beim Pfarrer vorstellig werden (eine Möglichkeit, die sie hätten und oft nicht nutzen), oder wenn die „Nicht-Una-cum“ die Beichte ohne kanonische Befugnis spenden. Das sind sehr schwerwiegende Dinge!

Das Schreckliche an unserer heutigen Zeit ist, dass Diener der Heiligen Kirche, anstatt die von Jesus Christus eingesetzte Autorität zu nutzen, um die ganze Wahrheit zu verkünden, nur Teile der Wahrheit verwenden, die dazu dienen, ihre eigenen Fehler zu rechtfertigen oder ihre eigenen Pläne zu verwirklichen, als wären sie eine politische Partei. Dann beschuldigen sie sich gegenseitig, nicht um die Gläubigen vor der Gefahr der Täuschung zu bewahren, sondern um ihre eigene Position durchzusetzen. Und in diesem schmerzhaften Wettstreit bleibt das Wohl der Seelen auf der Strecke und wird von den Passanten mit Füßen getreten.

Vielleicht erkennen sie die Zeichen der Zeit nicht: Der Herr lässt materielle Kriege zwischen den Nationen zu, um die Lage des Volkes zu zeigen, das er sich erwählt hat, so wie es prophetisch im Alten Bund geschah.

Aber Jesus hat gesagt – und darüber meditieren wir gerade im heutigen Evangelium –, dass er „im Geist und in der Wahrheit“ angebetet werden will (Joh 4,24). Ohne Wahrheit gibt es keine Katholische Kirche. Deshalb warnt uns der Katechismus der Katholischen Kirche, dass dies die letzte Prüfung der Kirche sein wird: die Abkehr von der Wahrheit. (KKK 675-677)

Ich bin im Moment in der Lage, die überkommene Heilige Messe zu feiern, und dies sicherlich auch dank der Geschichte des Widerstands von Msgr. Lefebvre und der FSSPX. Doch kann ich deshalb nicht darauf verzichten, das anzuprangern, was gegen die Wahrheit ist und das Heil der Seelen gefährdet.

Ein weiterer dramatischer Aspekt des Mangels an Liebe zum Seelenheil ist die Spaltung in Freunde und Feinde nach parteipolitischen Kriterien. Es ist sicherlich wichtig zu erkennen, dass bestimmte Personen und Personengruppen mit bestimmten Zielen handeln und dabei raffinierte Strategien anwenden.

Dennoch sind unsere wahren Feinde niemals die Menschen, sondern immer der Teufel, dem es manchmal gelingt, diese zu manipulieren. Deshalb verfallen leider viele der Lüge, indem sie sagen: Der Feind meines Feindes ist mein Freund, und stufen so Personen oder Personengruppen als Feinde oder Freunde ein. Stattdessen ist der Feind des Menschen die Sünde und der Teufel, der uns dazu verleitet, und dennoch die Wahrheit, die uns von der Sünde befreit, ist unser Freund.

Ich habe mich mit Nachdruck exponiert, um die Wahrheit über die traditionelle Messe zu verteidigen, und ich habe dafür einen hohen Preis bezahlt. Aber die Messe darf nicht etwas sein, das man benutzt für irgendeinen irdischen Zweck. Die Messe gehört Jesus, wir müssen sie verteidigen, wir müssen ihr treu bleiben, sie darf „rechtmäßig“ von niemandem verboten werden. Wenn wir sie aber „benutzen“, handeln wir wie jene, die sie durch eine Revolution verändert haben: Wir behandeln sie als „unsere Sache“. Und das richtet sich gegen Gott selbst.

Die Tradition zu verteidigen bedeutet nicht, das zu verteidigen, was wir tun, auch wenn es uns noch so gut erscheint und wir die besten Absichten haben. Die Tradition zu verteidigen bedeutet, das zu verteidigen, was wir von Gott empfangen haben.

Ansonsten verwandelt sich die Tradition, wie auch die Übersetzung (ital: traduzione), zum Verrat (ital: tradimento).

Leider können wir diese Situation nicht mit unseren eigenen Händen lösen, aber wir können, wie die Heilige Jungfrau, die Mutter Gottes, die Hirtenkinder in Fatima ermahnte, Gott Gebete und Opfer darbringen, um Sühne zu leisten für so viel Böses, das die Kirche und die Welt heimsucht, um des Heiles der Seelen willen. Wir können das Heilige Opfer am Kreuz Jesu darbringen, das einzige, das wirksame und ausreichend ist, indem wir die Heilige Messe feiern und besuchen, in der Gewissheit, dass Jesus es nicht zulassen wird, dass die Pforten der Hölle seine Heilige Kirche überwältigen. Amen.

Don Francesco d’Erasmo, katholischer Priester

13. März 2026

Feria sexta in III quadragisimae.




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